Yap, Palau, Guam – und die traditionellen Kanus

Wie in meinem Reisebericht von 2005 erwähnt, versuchte ich damals vergeblich, ein traditionelles Auslegerkanu zu entdecken und mit ihm eine Runde zu segeln. Als ich wieder zu Hause war, wurde in ein solches Kanu im Fernshehen gezeigt. Ich begann zu forschen und bekam schließlich über Facebook Kontakt zu der Forscherin Dr. Marianne "Mimi" George, die mir sofort sagte, solche Kanus sind typisch für die Karolinen-Inseln.

2019 ging ich in Rente und konnte endlich über meine Zeit frei verfügen. Auf der Suche nach neuen Erlebnissen stellte ich fest, dass am 26. Dezember 2019 eine ringförmige Sonnenfinsternis zu sehen sein würde, und zwar auf der Insel Guam. Als ich bemerkte, dass die Karolinen relativ dicht bei Guam liegen, beschloss ich, beide Reiseziele miteinander zu verbinden. Genauer gesagt: ich konzentrierte mich auf Yap, weil dort die Kultur noch am ursprünglichsten ist.

Und tatsächlich: hier gab es noch Kanus! Im Hotel wurde mir eine Taxifahrt zum Nordostsstrand von Yap organisiert, wo mehrere Kanus lagen. Auf dem größten von ihnen wurden Touristen mitgenommen, um mit ihnen eine Weile kreuz und quer zu segeln, aber immer schön im ruhigen Wasser innerhalb des Korallenriffs.

Der "Kapitän" erklärte mir auch, wie man ohne Kompass navigiert: ein Navigator kennt Namen und Positionen von über 100 Sternen. Wenn ein Stern im Osten aufgeht oder im Westen untergeht, dann weiß er, wieviel Uhr es ist, und er weiß auch, welcher Stern am heutigen Tag um diese Uhrzeit über seinem Ziel steht. Dieser Stern gibt ihm die Richtung an, bis es Zeit wird, einen neuen Stern als Wegweiser zu benutzen. Die Sterne geben aber nur die grobe Richtung vor. In der Nähe des Ziels zeigen die Wellen, die von einer Insel reflektiert werden, dem trainierten Auge die Richtung an, in der die Insel liegt, selbst wenn diese noch vom Horizont verdeckt wird.

Mehr noch als diese Navigationskünste faszinieren mich jedoch die Kanus selbst. Während man in Europa breite Schiffe baut, bei denen Ballast das Umkippen verhindert, benutzt man im Pazifik einen Ausleger als Stabilisator. Mit erheblich größeren Kanus wurde praktisch der gesamte Pazifik besiedelt, und als die ersten europäischen Entdecker kamen, fanden sie überall Menschen vor. Und zwar Menschen auf Steinzeit-Niveau, die weder Metalle noch das Rad kannten, größtenteils noch nicht mal Pfeil und Bogen! Diese Menschen hatten es geschafft, hochseetüchtige Kanus zu bauen. Als Verbindungsmittel benutzten sie Seile aus Kokosfasern. Die Werkzeuge hatten Klingen aus Mördermuscheln, die mit Lavasteinen geschliffen wurden.

Von Yap flog ich nach Guam, erlebte die Sonnenfinsternis und besuchte dann Palau. Auch dort gab es ein Kanu für Touristen: zwar deutlich kleiner als das von Yap, aber es hatte ein Segel, das aus Pandanusblättern geflochten war! Das war für mich die absolute Sensation, denn ich hatte nicht gedacht, dass sich heutzutage jemand noch so viel Arbeit macht.

Hier einige Videos zum Thema:

Die Kanus von Yap und Palau
Wendemanöver (man wechselt nicht die Windseite, sondern man vertauscht Bug und Heck)
Wie man ein Seil aus Kokosfasern herstellt

Zwei Filme von Dr. Marianne "Mimi" George: in "Our Vaka" geht es um den Bau von Kanus, in "Our Moana" werden die Prinzipien der traditionellen Navigation erklärt.