Yap und die Südsee-Kultur
In Yap kann man manchmal glauben, die Zeit wäre stehen geblieben. Zumindest im Vergleich zu anderen
Gebieten des Pazifiks, wo Touristen den Eindruck bekommen, es gehöre zu der ursprünglichen Kultur,
dass Frauen BHs aus halben Kokosnussschalen tragen. Hin und wieder sieht man hier noch ältere Frauen,
die es nicht im geringsten für nötig halten, ihren Oberkörper zu bedecken – beim Einkaufen
im Supermarkt oder sogar beim Gottesdienst in der Kirche.
Aber die prüde amerikanische Kultur (die hier gezeigten Fotos und Videos wurden von Facebook bereits
zensiert) ist nicht aufzuhalten. Eine Mutter erzählte mir, wie sehr sie es bedauert, dass ihre Tochter
es immer problematischer findet, sich zu besondern Anlässen in traditioneller Kleidung zu zeigen.
Ein solche Anlass ist vor allem der Yap Day, der Nationalfeiertag am 1. März. Hier treffen sich
viele Menschen, um traditionelle Tänze aufzuführen und Bräuche vorzuführen. Von den verschiedenen
Schulen auf der Insel treten Mädchen gegeneinander an, wer z.B. am schnellsten einen Korb aus dem
Blatt einer Kokospalme flechten kann, und Jungen, wer am schnellsten an einem senkrecht aufgestellten
Baumstamm hinauf klettern kann. Es gibt extra Schulfächer, in denen diese "cultural skills" gelehrt
werden.
Während auch viele Sitztänze vorgeführt wurden, die ich eher langweilig fand, faszinierte mich ganz
besonders der temperamentvolle Bamboo Dance, bei dem Frauen und Männer gemeinsam tanzen und
Bambusstöcke gegeneinander schlagen.
Dennoch – die Armbanduhr dieses Mädchens zeigt deutlich, dass die traditionelle Kultur nicht
mehr gelebt, sondern nur noch vorgeführt wird.
Die amerikanische Kultur ist auf dem Vormarsch mit all ihrer Prüderie und Geschmacklosigkeit.
Den Gipfel bildet meiner Meinung nach die völlig unpassende, bunt flackernde Weihnachtsdekoration
der alten traditionellen Häuser, die im Zentrum der Hauptstadt ein Museum bilden sollen. Die
Bevölkerung hatte extra Geld dafür gesammelt, und alle finden diese Beleuchtung wunderschön.
Dazu passend erklingt im Supermarkt nebenan zur Weihnachtszeit "let it snow, let it snow, let
it snow" – angesichts der draußen herrschenden Temperaturen einfach grotesk.
Immerhin bemüht sich Yap um den Erhalt der Kanu-Kultur. Ein altes, großes Kanu wurde renoviert,
und auch die traditionelle Navigation wird noch gelehrt.